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Wissenschaft als Feigenblatt: Wenn Empirie zur politischen Waffe wird

  • Autorenbild: vjsh
    vjsh
  • 7. Nov.
  • 5 Min. Lesezeit

Statement des VJSH Vorstands am 7. November 2025



Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) hat mit „All Eyes on Gaza / Zusammen für Gaza" ein Working Paper vorgelegt, das den Anspruch erhebt, durch „empirische Erdung" die „Skandalisierung" der Palästina-Solidaritätsproteste zu korrigieren. Tatsächlich handelt es sich jedoch um ein Paradebeispiel tendenziöser Empirie, die durch selektive Fragestellung, methodische Mängel und das systematische Ausblenden zentraler Problemfelder ein politisch gewünschtes Narrativ wissenschaftlich zu legitimieren versucht.


  1. Das zentrale Versäumnis: Was nicht gefragt wird, kann nicht gefunden werden

Die gravierendste Schwäche des Papers liegt in dem, was es nicht untersucht. Während die Forscher*innen akribisch erfassen, dass 78,7 % der Befragten zustimmen, „jüdisches Leben sollte in Deutschland aufgrund seiner Geschichte besonders geschützt sein", fehlen die entscheidenden Fragen zu dem breit existierenden israelbezogenem Antisemitismus vollständig:

  • Keine Frage zur Bewertung des 7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker mit 1.200 ermordeten Menschen, darunter Säuglingen, Kindern und älteren Menschen, Holocaust-Überlebenden und ausländischen Studierenden sowie systematischen Vergewaltigungen und der Verschlepppung von 250 Geiseln wird in der gesamten Befragung nicht thematisiert. Im Kontext-Kapitel taucht es lediglich in einem einzigen nachgeschobenen Halbsatz auf.

  • Keine Frage zur Hamas: Die Haltung zur Terrororganisation Hamas, ihren Zielen und Methoden bleibt völlig unberührt.

  • Keine Frage zu antisemitischen Gleichsetzungen: Die Gleichsetzung Israels bzw. „der Zionisten" mit Nazis (ein klarer antisemitischer Topos) wird nicht erhoben.

  • Keine Frage zu eliminatorischen Parolen: Ob die Befragten Forderungen wie „From the river to the sea" oder „Intifada bis zum Sieg" unterstützen, wird nicht thematisiert.


Ebenso wenig wird das konkrete Verhalten bei den Protesten untersucht: Gewalt gegen Journalist*innen, massive Sachbeschädigungen bei Universitätsbesetzungen, antisemitische Schmierereien inklusive Hamas-Symbolen, oder die Relativierung der Shoah indem „Never again is now" die Situation in Gaza mit dem Holocaust gleichsetzt. Das Versprechen, dass Jüdinnen und Juden nie wieder Vernichtung drohen soll, wird durch die Universalisierung von ‘Never again’ umgedeutet und gegen den jüdischen Staat gewendet.

Anstatt also diese und weitere relevanten Dimensionen einzubeziehen, weichen die Autor*innen auf eine abstrakte Frage aus und präsentieren die hohe Zustimmung für den „Schutz jüdischen Lebens" als Beleg für ein vermeintlich “reflektiertes Protestmilieu” mit “differenzierten Positionierungen”. Diese methodische Strategie ist intellektuell unredlich: Man konstruiert einen Fragebogen, der die relevanten Indikatoren für israelbezogenen Antisemitismus sowie Post-Shoah-Antisemitismus systematisch ausspart, um dann festzustellen, dass man keine Belege für Antisemitismus gefunden habe.


  1. Methodische Mängel: 301 Selbstselektierte als „belastbare Daten"

Das Paper basiert auf 301 ausgefüllten Fragebögen bei einer Demonstration mit 60.000 bis über 100.000 Teilnehmenden, maximal 0,5% der Demonstrierenden. Von „belastbaren Daten", wie unter anderem die Philipps-Universität Marburg behauptet, kann keine Rede sein. Das Working Paper räumt selbst ein, nicht repräsentativ zu sein, eine Einschränkung, die in der medialen Verwertung entweder ignoriert oder der Annahme auch nicht widersprochen wird. Nicht einbezogen werden dokumentierte Gewalteskalationen, wiederholte Universitätsbesetzungen in diversen Städten sowie Vandalismus inklusive Schmierereien mit Drohbotschaften, antisemitischen Sprüchen oder Hamas-Symbolen, wodurch Sachschäden entstanden, die teilweise im sechsstelligen Bereich liegen.

Hinzu kommen: fehlende Triangulation, keine Analyse von Reden, Plakaten oder Chats, kein Abgleich mit Polizeibeobachtungen oder Dokumentationen von RIAS, IIBSA oder democ, keine mehrsprachige Vor-Ort-Befragung, Selbstselektion durch Online-Format. 

Besonders gravierend: Der RIAS-Bundesverband dokumentierte 2024 insgesamt 8627 antisemitische Vorfälle, ein Anstieg von 77% gegenüber 2023 und damit der höchste Wert seit Beginn der Erfassung. Diese Daten werden komplett ausgeblendet:


  1. Die unsichtbaren Opfer: Die jüdische Perspektive

Besonders auffallend und daher eine augenfällige Strategie ist das vollständige Fehlen der Betroffenenperspektive. Kein Wort über:

  • Jüdische Menschen, die aus Angst vor diesen Demonstrationen nicht mehr aus dem Haus gehen

  • Jüdische Studierende, die sich an Universitäten nicht mehr sicher fühlen

  • Jüdische Geschäfte und Synagogen, die verstärkt geschützt werden müssen

  • Die Traumatisierung der jüdischen Community nach dem 7. Oktober und die  darauffolgende Solidarisierungswelle mit den Tätern

Das Paper erfasst akribisch, dass 47 % der Demonstrierenden „Repressionserfahrungen" gemacht haben und dass viele sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt fühlen. Die Erfahrungen jener, die durch diese Demonstrationen eingeschüchtert, bedroht oder zur Unsichtbarkeit gezwungen werden, bleiben unsichtbar. Diese selektive Empathie ist kein Zufall, sie ist Teil der politischen Botschaft des Papers.


  1.  Das organisatorische Umfeld: Wenn Wissenschaft zur Advocacy wird

Bemerkenswert ist auch das institutionelle Umfeld des Papers. Die Universität Marburg ist mit dem Zentrum für Konfliktforschung im Forschungsverbund TRACE engagiert. Auf der Jahreskonferenz im November 2025 werden die einzigen beiden Beiträge zu Israel und Gaza von Personen, die als antiisraelisch positioniert bekannt sind, darunter Eyal Weizman mit seinem Projekt „Forensic Architecture". Weizman ist ein offener Unterstützer von BDS (Boycott, Divestment, Sanctions), einer Bewegung, die im Kern antisemitisch ist. 

Der Kontrast zu anderen deutschen Universitäten ist eklatant: Die RWTH Aachen sagte im Dezember 2023 eine Veranstaltung mit Forensic Architecture ab, nachdem jüdische und israelische Studierende von Angst und Bedrohung berichteten. Die RWTH betonte: „To us, the safety and well-being of our students is paramount" und verwies auf Weizmans BDS-Unterstützung sowie darauf, dass „leading representatives of BDS deny Israel's right to exist".

Die Universität Marburg verfolgt immer wieder einen entgegengesetzten Kurs: Im Juni 2025 stellte die Universität der Politikwissenschaftlerin Helga Baumgarten Räume zur Verfügung, trotz vorheriger Warnung jüdischer Studierender und trotz Einspruch der eigenen Beauftragten gegen Antisemitismus, Dr. Susanne Urban. Während andere Universitäten auf die Sorgen jüdischer Studierender reagieren, laden Hochschulangehörige der Uni Marburg 2025 sowohl Weizman als auch Baumgarten ein und lassen parallel Wissenschaftler*innen aus ihren Reihen ein Paper veröffentlichen, das antisemitische strukturelle Muster systematisch ausblendet und ohne jede jüdische Perspektive auskommt. Dies wirft ernste Fragen über institutionelle Strukturen auf.

Die Beauftragte gegen Antisemitismus der Universität Marburg teilt diese Bedenken und steht in engem Austausch mit dem VJSH. 


  1. Fazit: Wenn Empirie zur Täuschung wird

Das ipb-Working Paper ist keine seriöse sozialwissenschaftliche Studie, sondern ein Dokument politischer Parteinahme, das sich wissenschaftlicher Methoden bedient, um Legitimität zu erzeugen. Durch die systematische Auslassung relevanter Fragen, das Ignorieren dokumentierter antisemitischer Vorfälle und die Unsichtbarmachung jüdischer Perspektiven konstruiert sie ein Bild der Gaza-Proteste, das mit der Realität wenig zu tun hat.

Das Working Paper folgt dabei einem Schema:

  1. Frage nur das ab, was das gewünschte Ergebnis liefert

  2. Blende alles aus, was diesem Ergebnis widersprechen könnte

  3. Präsentiere das Ergebnis als „empirische Erdung" gegen „Skandalisierung"

  4. Nutze die Autorität von Wissenschaft und Universität, um bestimmte, ideologisierte Positionen zu legitimieren

Im hohen Maß fragwürdig ist die Instrumentalisierung der hohen Zustimmung zu „Schutz jüdischen Lebens" als Beweis gegen Antisemitismus-Vorwürfe. Diese abstrakte Zustimmung ist wertlos, wenn nicht gleichzeitig nach konkreten antisemitischen Positionen gefragt wird. Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland hat ein Recht darauf, dass Wissenschaft ihre realen Sorgen und Erfahrungen ernst nimmt, statt sie durch methodische Tricks unsichtbar zu machen. Sie hat ein Recht darauf, dass der 7. Oktober nicht aus dem Diskurs getilgt wird. Sie hat ein Recht darauf, dass israelbezogener Antisemitismus mit denselben Standards untersucht wird, die auch bei anderen Formen von Antisemitismus angelegt werden.

Dieses Working Paper verweigert all das. Daher verdient es nicht akademische Anerkennung, sondern entschiedenen Widerspruch.


Frankfurt am Main, den 07.11.2025


Quellen:




 
 

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